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Neue Regel: DFB stellt Fußball-Eltern ins Zwangs-Abseits PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Administrator   
Samstag, den 03. Oktober 2015 um 14:26 Uhr

Eltern müssen jetzt Abstand halten. Erste Reaktionen aus den Vereinen positiv. Kinder werden von FairPlay-Liga profitieren.

Fußball – das ist ein Familienfest am Wochenende, gerade auch für die Kleinsten. Doch offenbar sind diese Zeiten vorbei. Das belegt eine neue verbindliche Anweisung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Danach müssen Eltern ab sofort mindestens 15 Meter Abstand vom Spielfeld halten. Hintergrund: Der Einfluss von Müttern und Vätern auf das Spielgeschehen hat so stark Überhand genommen, dass der DFB nun die Reißleine gezogen hat. "Auch in Hamburg ist das ein großes Problem, weil viele Eltern meinen, es ginge um die Weltmeisterschaft", bestätigt der stellvertretende Geschäftsführer des Hamburger Fußball-Verbands, Carsten Byernetzki.

Neu ist nun: In der G- und F-Jugend (sechs bis acht Jahre) wird seit Beginn der Saison bundesweit nach dem Konzept der FairPlay-Liga gespielt. Dies bedeutet unter anderem Sicherheitsabstand für Fans, Eltern und Zuschauer. Nachdem das Konzept in den vergangenen beiden Jahren auf freiwilliger Basis erfolgreich getestet worden war, ist es jetzt verbindlich. "Im Vordergrund stehen die Entwicklung der jungen Spieler, das Spielerlebnis und die Freude am Fußballsport", heißt es in der Anweisung.

"Der DFB will damit zurück zu den Wurzeln, glaubt Michael Imme vom Niendorfer TSV. "Es soll wieder freier Fußball gespielt werden. Zurück zum Bolzen, so wie viele es von früher kennen. Mit einfachen Regeln und Spaß", sagt Imme, der als Jugendkoordinator und Trainer beim Niendorfer TSV tätig ist.

Kinder entscheiden selbst

Die FairPlay-Liga hält sich an drei einfache Regeln: Kein Schiedsrichter mehr, denn die Kinder entscheiden selbst über Foul, Ecke oder Einwurf. Trainer sollen lediglich taktische Anweisungen geben. Und Fans, Zuschauer und Eltern halten mindestens 15 Meter Abstand.

Der Hamburger Fußball-Verband bewertet die neuen Regeln als richtig, so Carsten Byernetzki. Auch Jugendkoordinator Michael Imme sieht das neue Konzept als Vorteil: "Es kam vor, dass Eltern ihre Kinder anschreien oder sogar das Feld betreten, um dem Kind Anweisungen zu geben. Auch Schiedsrichter wurden in der Vergangenheit angegangen. Bei einigen Eltern legt sich einfach ein Schalter um, sobald das eigene Kind spielt."

Aber können Kinder selbst entscheiden? "Ja, können sie", sagt Imme, der selbst Trainer von Kindermannschaften ist: "Viele unterschätzen den stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn der jungen Fußballer." Sven Sievers, F-Jugend Trainer vom SC Victoria sieht das ähnlich: "Manchmal kommt es noch zu leichten Irritationen wer zuletzt am Ball war, aber der Wunsch einfach weiter zu spielen ist deutlich größer, als der Wunsch Recht zu bekommen."

Verband sieht Vereine in der Pflicht

Ob die Vereine die neuen Anweisungen umsetzen, ist noch völlig unklar. Sicherlich gibt es Clubs, die nicht über genügend Platz verfügen, um den geforderten Abstand von 15 Metern einzuhalten. "Die größte Schwierigkeit wird es sein, alle Vereine zum Mitmachen zu bewegen", glaubt Michael Imme. Auch wenn die FairPlay-Liga nun für Hamburg verpflichtend ist, werde es keine Aufpasser oder ähnliches geben, erklärt Carsten Byernetzki vom Hamburger Fußball-Verband. Vielmehr sieht der Verband die Vereine in der Pflicht.

Beim Niendorfer TSV wird trotz Anweisung vorläufig kein Absperrband gezogen. "Wir haben Elternabende veranstaltet, um über die neuen Regeln zu informieren. Bislang war die Reaktion auf die Änderungen darauf positiv", sagt Imme. Auch beim SC VIctoria seien die ersten Rückmeldungen durchweg positiv. Der Verein spielt jedoch seit längerem schon "elternfreie" Spiele. Dabei ist es den Eltern untersagt den Rasen zu betreten. "Die Eltern stehen in Rufweite. Die Jüngsten können nach einer gelungenen Aktion dann schnell hinlaufen und sich das Lob abholen", sagt Sievers.

Kritik übt der Kindertrainer jedoch beim Punkt Schiedsrichter: "Tatsächlich fehlt zumindest gefühlt der Schiedsrichter in der F-Jugend (sieben bis acht Jahre alt; Anm. d. Red.). Irgendwie gehört der zum Spiel dazu".

Als das Pilotprojekt "FairPlay-Liga" startete, gab es nicht so viel Resonanz, aber den gleichen Kritikpunkt. Zu diesem Zeitpunkt konnten Vereine freiwillig an der FairPlay-Liga teilnehmen. Kommentare wie "ohne Schiedsrichter ist es ja kein richtiges Fußballspiel", fielen häufiger, erinnert sich Imme. Also gab es zwei Spielstaffeln parallel: eine nach den neuen Regeln und eine nach alten.

Spielergebnisse werden nicht mehr veröffentlicht

Eine weitere Veränderung: Spielergebnisse werden nicht mehr veröffentlicht. Nur der Verband bekommt die Daten, um die Mannschaften je nach Spielstärke einzuordnen und faire Paarungen zu organisieren. Hintergrund ist, dass die Orientierung an Punkten und Tabellenplätzen die Kinder zu sehr unter Druck setzt. Gerade auch Eltern seien oftmals zu sehr auf die Ergebnisse fixiert, heißt es von den Vereinen. "Das ist absolut der richtige Weg" sagt Sievers. Den Kindern werde so einfach der Druck genommen und in der nächsten Saison sei der Tabellenplatz sowieso wieder egal.

Auch die Anzahl der Spiele pro Tag verändert sich für die Fußballer in der G- und F-Jugend. "Das war teilweise pures Chaos", sagt Michael Imme. "Fünf Mannschaften, fünf Mal Eltern, zehn Minuten pro Spiel, jeder gegen jeden." Bis der Schiedsrichter wieder anpfeifen konnte oder die tröstenden Eltern vom Spielfeld waren, seien teilweise schon zwei bis vier Minuten vergangen. Jetzt gilt: In der FairPlay-Liga wird es künftig nur noch ein Spiel, gegen eine Mannschaft, über zweimal 20 Minuten geben. Ingesamt stehen nur noch vier Spieler jeder Mannschaft auf dem Platz. Hinzu kommen zwei Einwechselspieler pro Mannschaft.

Für den Trainer des SC Victoria gibt es hier allerdings noch Diskussionsbedarf. Die bislang gespielten Spielrunden hätten für ihn mehr den Charakter eines Events dargestellt. Außerdem müsse die Aufmerksamkeitsschwelle von Kindern berücksichtigt werden. "Nach einer bestimmten Spielzeit werden die Jüngsten oft zu Blümchen-Pflückern. Da muss der Trainer reagieren und einmal die komplette Mannschaft auswechseln können. Deshalb wären acht Spieler pro Mannschaft durchaus sinnvoll", sagt Sievers.

Eltern und Trainer haben weniger Einfluss

"Ich bin selbst seit 20 Jahren Trainer und finde das Konzept gut. Aber es gibt auch Trainer, denen es nicht gefällt, dass sie sich nicht mehr einmischen dürfen", sagt Sven Sievers. Auch wenn die Coaching-Zone sich direkt am Spielfeldrand befindet, sind laut Anweisung des DFB auch Trainer dazu angehalten, sich aus dem Spielgeschehen rauszuhalten.

Der Eindruck bleibt: Die Kinder profitieren von der neuen FairPlay-Liga. "Es tut ihnen gut, wenn die Eltern nicht direkt Einfluss nehmen können. Das merkt man sofort auf dem Platz.", so Michael Imme. Kurzfristig werde es zwar voraussichtlich schwierig, die neuen Regeln durchzusetzen. "Aber langfristig ist das Konzept eine gute Idee". Das sieht auch Sven Sievers so: "Für alle Beteiligten ist die Stimmung deutlich entspannter. Es ist nach dem Spiel nun eher zu beobachten, wie die Eltern aufmerksam dem Spielbericht der Kinder zuhören"

Und so lernen vermutlich nicht nur die Kinder etwas in der FairPlay-Liga. "Auch die Eltern können wir mit etwas Abstand ein wenig erziehen", sagt Imme.

Quelle : Hamburger Abendblatt

Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 03. Oktober 2015 um 14:31 Uhr